Hüftschmerzen – Coxalgie

Schmerzen in der Hüfte gehen in der Regel vom Hüftgelenk, und/oder der Gelenkkapsel aus und haben meist eine orthopädischen Ursache.

Definition

Es ist ein bevorzugt im Alter auftretendes Symptom, das häufig mit einer Gang- und Standinstabilität, Steifheit, einer verminderten Belastbarkeit sowie einer allgemeinen Einschränkung des Bewegungsfreiraumes der Hüftgelenke und Beine einhergeht. Zusätzlich können morgendliche Anlaufschmerzen und ein abnormales Gangbild assoziiert sein. Akut aber meist nur vorübergehend treten Hüftgelenksschmerzen auch nach starken Belastungen der Hüftgelenke oder insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nach grippalem Infekt (Coxitis fugax) auf. Man unterscheidet daher zwischen akuten und chronischen (länger als drei Monate andauernden) Hüftschmerzen.

Synonyme und artverwandte Begriffe

  • Schmerzen Hüfte, Arthrose der Hüftgelenke, Coxarthrose, Osteoarthrosis deformans coxae, Coxitis
  • Meralgia parästhetica, schnappende Hüfte, Bursitis trochanterica, Impingement des Hüftgelenkes, Coxarthritis

Englisch: Coxalgia, coxarthrosis, coxitis, meralgia paraesthetica; snapping hip, hip bursitis, hip impingement, hip arthritis

Überblick

Das Hüftgelenk (Articulatio coxae) verbindet den menschlichen Rumpf mit den beiden unteren Extremitäten. Dabei bilden die drei großen Beckenknochen, das Schambein (Os pubis), das Darmbein (Os ilium), sowie das Sitzbein (Os ischii) in ihrer Gemeinsamkeit den Hüftknochen (Os coxae). Zusammen mit dem Kopf des Oberschenkelknochens (Caput ossis femoris) formt der Hüftknochen nun das Hüftgelenk. Dabei bildet der Oberschenkelkopf eine runde Form, die genau in die Hüftgelenkspfanne (Acteabulum), eine Vertiefung im Beckenknochen, hinein passt.
Die anatomische Besonderheit dieses Gelenks liegt dabei in seiner sogenannten „Nussform“, die dem Menschen einen großräumigen Bewegungsumfang ermöglicht. Vor einer Schädigung ist dieses Gelenk durch die Gelenkkapsel, d.h. äußerst starke schraubenförmig angeordnete Bandzüge von der Hüfte zum Oberschenkelhals verlaufend, stabilisiert.
Sind nun im Bereich der beteiligten Knorpel-, Knochen-, oder Bandstrukturen Läsionen vorhanden, oder sind dort verlaufende, die unteren Extremitäten versorgende Nerven betroffen, können Hüftschmerzen, sowohl ein- als auch beidseitig auftreten.

Ursachen

Allgemeine Hüftschmerzen bezeichnen ein relativ unspezifisches Symptom, dessen Entstehung viele Wege genommen haben kann.
Die häufigste Ursache für Hüftschmerzen stellt die degenerative abnutzungsbedingte Gelenkerkrankung (Arthrose, Coxarthrose, Osteoarthrosis deformans) dar. Sie tritt in der Regel nicht vor dem 50. Lebensjahr in klinisch relevanter Form auf.
Die Coxarthrosis deformans (Arthropathia deformans) ist gekennzeichnet durch schmerzhafte, zunehmend funktionseinschränkende verknöchernde Gelenkveränderungen infolge der Belastung über die Lebensjahre und der sich verringernden Regenerationsfähigkeit der Gelenkknorpelflächen, vornehmlich in Hüft- und Kniegelenken.
Zu den hauptsächlichen, eine Arthrose begünstigenden Faktoren zählen:

  • Wiederholte nicht infektiöse Gelenksentzündungen, sogenannte Coxarthritiden, ursächlich hervorgerufen durch permanente Fehlbelastungen, beispielsweise bei Fehlstellung der Beine (X- oder O-Beine), Beckenschiefstand durch ungleiche Beinlänge, häufig vergesellschaftet mit Verbiegung der Wirbelsäule (Skoliose) und Atlaswirbelschiefstand oder durch Unfälle.
  • Störungen des neuromusklären Reflexbogens, die sich konstitutionsbedingt in einem „eckigen“, d.h. nicht runden Gang äußern.
  • Osteoporoseprozesse des Oberschenkelkopfs (fortschreitenden Demineralisierung der Knochensubstanz)
  • Die angeborene Hüftgelenksdysplasie (Entwicklungsstörung der Hüftpfanne)
  • Durchblutungsstörung des Oberschenkelkopfes (Morbus Perthes)
  • Abgleiten der Wachstumsfuge bei der jugendlichen Hüftkopflösung (Epiphyseolysis capitis femoris).
  • Systemische Erkrankung, die sich auf den Gelenksbereich konzentriert und zu Gelenksentzündungen führen kann. Als Ursache dominieren rheumatische und rheumatoide (rheumaähnliche) Prozesse.
  • Parainfektiöse reaktive Arthritiden („Hüftschnupfen“ oder Coxitis fugax) : Im akuten Stadium oder nach Abheilung von anderen Infektionskrankheiten (z.B. grippaler Infekt, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken)
  • Im Rahmen der juvenilen chronischen Arthritis, ebenfalls bekannt als „Still Syndrom“ bei Kindern und Jugendlichen. Diese betrifft meistens als Polyarthritis mehrere Gelenke und ist begleitet von Krankheitszeichen, wie Fieber, Milz- und Lebervergrößerung sowie Lymphknotenschwellungen begeiletet.
  • Tumore (eher selten): Meist gehen diese von der Innenhaut der Gelenkkapsel (Membrana synovialis) oder von der Gelenkkapsel (Capsula articularis) selbst aus. Gutartige (benigne) Tumoren entstammen in diesem Falle meist dem Fettgewebe (Lipom), dem umgebenden Bindegewebe (Fibrom) oder den Blutgefäßen (Hämangiome). Bösartig ist das maligne Synovialom der Gelenkflüssigkeit produzierenden Zellen der Membrana synovialis oder vom Knochen oder Knorpel ausgehende Osteo- bzw. Chondrosarkome.

Neben Arthrose induzierenden Erkrankungen können folgende Prozesse sich ebenfalls in Form von Hüftschmerzen äußern:

  • Prozesse zu einer Überlastung (Schwangerschaft, Gewichtszunahme, Tumoren), bzw. zur Einengung des Hüftgelenks (Impingementsydrom) führen.
  • Bei der „schnappende Hüfte“ (Coxa saltans) schnappt ein Strang der seitlichen Muskelfaszie (Tractus iliotibialis) über den Knochenvorsprung des Oberschenkelknochens (Trochanter major).
  • Schleimbeutelentzündung (Bursitis trochanterica)
  • Kompression des Nervus cutaneus femoris lateralis, auch bekannt als Bernhardt-Roth-Syndrom, Inguinaltunnelsyndrom oder Meralgia parästhetica oder Nervenkompression durch äußerlich einwirkende Kräfte (zu eng geschnallter Gürtel, das sogenannte Seat-Belt-Syndrom)
  • Verletzungen durch Unfälle
  • Operative Eingriffe
  • Stoffwechselerkrankungen mit Durchblutungsstörungen des Hüftkopfes (Diabetes mellitus)
  • Hormonelle Veränderungen (Schilddrüsenunterfunktion, Menopause)
  • Bei Bandscheibenvorfällen (Diskusprolaps) mit ausstrahlenden Schmerzen in die Hüfte

Was Sie selbst tun können

Kontaktieren Sie Ihren Arzt, bei:

  • Stärkeren, regelmäßig oder dauerhaft auftretende Hüftschmerzen
  • Jberflächlichen Veränderungen der Haut im schmerzenden Bereich oder bei Schwellung, Rötung, Erwärmung und einer Berührungsempfindlichkeit
  • Eingeschränkter Hüft- oder Beinbeweglichkeit

Länger andauernde Schmerzen führen zu einer chronischen Überreizung der Schmerznerven, implizieren eine muskelverspannende Schonhaltung und können die Ursache verschlimmern.

Hilfe durch den Spezialisten

Je nach Spezifität der Symptomatik kann ausgehend von einem Gespräch mit Ihrem Arzt eine weitere detaillierte Diagnostik bei verschiedensten Fachmedizinern erfolgen. Hierzu gehören:

  • Orthopäde
  • Internist
  • Chirurg
  • Neurologe

Was Sie bei Ihrem Arzt erwartet

Bevor Ihr Arzt mit einer Untersuchung beginnt, findet ein einführendes Gespräch (Anamnese) über Ihre aktuellen Beschwerden statt. Im Rahmen dessen befragt er Sie ebenfalls zu zurückliegenden Beschwerden und eventuell bestehenden Erkrankungen.
Mit folgenden Fragen können Sie rechnen:

  • Seit wann bestehen die Symptome? Gab es ein auslösendes Ereignis?
  • Können Sie eine genaue Charakterisierung und gegebenenfalls eine Lokalisation vornehmen?
  • Hat sich die Schmerzcharakteristik zeitweilig verändert?
  • Können Sie eine Position einnehmen, in der sich die Schmerzsymptomatik bessert?
  • Sind oberflächliche Hautveränderungen oder Umfangszunahmen der Hüfte feststellbar?
  • Leiden Sie unter zusätzlichen Symptomen, wie Stand- und Gangunsicherheiten oder Abnormalitäten im Bewegungsablauf? Haben Sie Missempfindungen im Bereich der Beine und Hüfte oder fühlen Sie sich allgemein krank?
  • Litten Sie bereits schon einmal daran und sind diese Anzeichen familiär gehäuft aufgetreten?
  • Bestehen aktuell Vorerkrankungen oder Erbkrankheiten und werden diese therapiert?
  • Nehmen Sie aktuell Medikamente ein?
  • Sind Ihnen Allergien bekannt?

Untersuchungen (Diagnostik)

Ausgehend von Ihrer in der vorangegangenen Anamnese erhobenen Symptomcharakteristik und Ihrem aktuellen Befinden kann der Arzt nun folgende Diagnostik anwenden:

  • Eingehende körperliche Grunduntersuchung zur Erfassung des allgemeinen Gesundheitszustands
  • Blutentnahme, insbesondere im Hinblick auf Entzündungszeichen, Hormonstatus und Mineralhaushalt
  • Bildgebende Diagnostik: Röntgen, Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT)
  • Ultraschalluntersuchung der Hüfte (Hüftsonografie)
  • Angiographie zur Untersuchung der Gefäße bei Verdacht auf durchblutungsassoziierte Ursachen
  • Entnahme von Gelenksflüssigkeit (Punktion)
  • Hüftgelenksarthroskopie

Behandlungen (Therapie)

Neben der primären symptomatischen Schmerztherapie sollte stets eine ursachenorientierte Behandlung erfolgen, um sich wiederholende Schmerzen zu verhindern.
Zur primär wichtigen Schmerzlinderung stehen folgende Anwendungsmöglichkeiten zur Verfügung:

  • Lokal antientzündlich und schmerzlindernd wirkende Pharmaka in Form von Salben oder Pflastern
  • Systemisch ansetzende Präparate der gleichen Wirkung (Analgetika) wie nicht-steroidale Entzündungshemmer (non-steroidal anti-inflammatory drugs, NSAID’s). Hauptvertreter sind hier: Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, oder Cortisonpräparate
  • Spezifische COX-2-Inhibitoren (Celecoxib, Etoricoxib)
  • Ähnlich wirkende Antirheumatika (Disease-modifying anti-rheumatic drugs, DMARD’s) wie Chloroquin, Sulfasalazin, D-Pencillamin, Leflunomid
  • Muskelrelaxantien (Orphenadrin, Tolpersin, Baclofen) bei parallel bestehender muskulärer Verspannung
  • Bei starken Schmerzen können Morphin- oder hochwirksame Opioidderivatgaben (Fentanyl, Tramadol, Tilidin mit Naloxon) indiziert sein.
  • Therapeutische Lokalanästhesie (Unterbinden der Schmerzweiterleitung zum Gehirn) durch lang wirkende Blockade peripherer Nerven, des Plexus lumbalis (Nervenbündel im Hüftbereich) oder auf Rückenmarksebene (epi- oder peridurale Anästhesie).

Des Weiteren kann auf folgende schmerztherapeutische Methoden zurückgegriffen werden:

  • Physikalische Kälte- oder Wärmeapplikation sowie Massagen
  • Transdermale elektronische Nervenstimulation (TENS)
  • Andere Maßnahmen wie Akupunktur, Magnetfeldtherapie
  • Hypnoide, die Wahrnehmung beeinflussende Methoden, wie autogenes Training, oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen können eine sinnvolle Ergänzung zur Gesamtstrategie darstellen

Eine ursächlich ansetzende Therapie erfolgt gegebenenfalls operativ anhand gelenkerhaltender osteosynthetischer Eingriffe, mithilfe von Knorpeltransplantationsverfahren oder gelenkersetzend durch ein künstliches Hüftgelenksimplantat (Hüft-TEP).
Bei Mineral- oder Hormonmangel können gegebenenfalls Substitutionstherapien erfolgen. Insbesondere die Hormonersatztherapie soll in individueller Abstimmung mit Ihrem Arzt erfolgen.

Vorbeugung (Prävention)

„Aktivieren“ lautet hier das Schlagwort! Bleiben Sie beweglich und bauen Sie möglichst viel Aktivität in Ihren Alltag ein, denn so fördern Sie schon im gesunden gesunden Zustand die Durchblutung, stärken die hüft- und wirbelsäulenstützende Muskulatur, beugen Ablagerungen vor und sorgen für eine gute Knochenstabilität. Leichte, die Gelenke wenig belastende körperliche Betätigungen, wie Nordic Walking, Fahrradfahren, Schwimmen oder Wassergymnastik eignen sich hierfür hervorragend.
Achten Sie beim Schuhkauf auf ausreichend Federung und ein gut ausgeprägtes Fußbett. Schuhe, die den physiologisch gesunden Abrollvorgang des Fußes unterstützen, tragen aktiv zur Kräftigung der Bein- und gesamten Stützmuskulatur bei und können ebenfalls haltungs- und bewegungsinduzierten Hüftschmerzen vorbeugen.
Im Falle einer bereits bestehenden Erkrankung können Sie ebenfalls durch belastungsangemessene Physiotherapie einem weiteren Fortschreiten vorbeugen.
Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, viele Ballaststoffe und reichlich Obst und Gemüse. Insbesondere die Vitamine C und D werden zum Aufbau von Knorpel- und Knochen- und Bindegewebssubstanz benötigt.

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